Dienstag, 30. November 2010

24.09.2010: Saint Alban sur Limagnole - Aumont Aubrac (12 km)

4. Reise/10. Tag

Ich laufe durch den Regen und versuche herauszufinden, ob ich traurig bin. Ich weiß, dass ich ein Resumee ziehen sollte, einen Strich drunter machen, so ganz langsam. Morgen würde ich den Weg in aller Frühe mit dem Bus Richtung Süden verlassen.

Durch den Regen nach Aumont-Aubrac

Das gleichmäßige Prasseln auf mein Regencape bringt Ruhe in meinen Kopf. In den letzten Tagen ist so viel passiert. Ich erwische mich dabei, dass ich immer wieder ganz unvermittelt lächeln muss. In meinem Kopf spule ich kleine Filmchen der letzten Tage ab. Alles passiert wie in Zeitlupe. 

Ein Blick, eine Hand auf meiner Schulter, jemand, der an meinen Zöpfen zieht. Zwei Augen strahlen mich an, ein Hund frisst meine Wurst. Jemand reißt sich das T-Shirt vom Leib und wäscht es am Brunnen. Septembersonne auf gebräunter Haut. Heidi? Elle est suisse! Ein Wiedersehen und ein starker Kaffee.

Und Wärme, ganz viel Wärme. Das einzige, was ich immer suchen werde. Hier oder dort.

Dann reißt mich jemand aus meinen Gedanken: "Il y'a quelqu'un qui te cherche!" Mich sucht jemand?

Zuerst sehe ich den Hund, le chien. Wo kommst du denn her? Und dann den weißen Camion an der Straßenkreuzung. Er ist da. Unglaublich.

Soundtrack of the day: Angus & Julia Stone - For you

21.09.2010: Le Puy-en-Velay - Saint-Privat-d'Allier (24 km)

4. Reise/7. Tag

Zu dritt haben wir uns um 07:00 Uhr zur Pilgermesse verabredet. Ich? Pilgermesse? Okay, okay. Ich sehe ein, dass Walters Verabschiedung eines gewissen Rahmens bedarf, der ihm würdig ist. Noch nehme ich seinen Abschied auf die leichte Schulter. Aber dann kommt es anders.

Als ich da mit den vielen anderen Pilgern schweigend in der Kathedrale stehe, wundere ich mich über meine Dünnhäutigkeit.

Immer wieder an diesem Tag ringe ich nach Fassung. Was für eine seltsame Stimmung. Mit dem Augenblick, als Walter fort ist, hat Le Puy plötzlich ein anderes Gesicht bekommen. Ich gehe durch Gassen und Straßen, verlaufe mich immer wieder, verzettele mich in irgendwelchen Geschäften. Ich kann mich nicht dazu durchringen, endlich loszulaufen. Zwischendurch erschrecke ich vor meinen eigenen negativen Gedanken: Ich ziehe plötzlich sogar in Betracht, den Weg abzubrechen und schnurstracks nach Hause zu fahren. Ich habe keine Lust zu laufen. Und reden will ich sowieso mit niemandem. Reden konnte man doch sowieso am besten mit Walter. Also was sollte das alles noch?

Es wird Mittag in Le Puy und ich stehe immer noch verloren irgendwo herum und warte auf jemanden, der mich auf den Weg prügelt. Als ich ein Bett in Saint Privat reservieren will, hoffe ich für einen kurzen Augenblick, dass keines mehr frei ist. Pech gehabt.

Und dann renne ich einfach los. MP3-Player im Ohr, Blick auf den Boden und ab dafür. Ich überhole grußlos Pilger um Pilger. Sprecht mich bloß nicht an! Ich will meine Ruhe haben! Ich bin wütend und habe keine Ahnung, auf wen.

Saint-Privat-d'Allier

Später irgendwann werde ich dem Himmel danken, dass ich da durch bin. Dass ich weitergemacht habe. Dass ich völlig ohne Motivation doch irgendwie weitergegangen bin.

In Saint Privat bin ich körperlich total ausgepowert, aber lammsanft. Die Dämonen in meinem Kopf sind besiegt.

I got one hand reaching for heaven, and the other one is dragging in the dirt. (Christian Kjellvander)


Okay, es kann weitergehen.

Soundtrack of the day: Christian Kjellvander - Two souls

20.09.2010: Queyrières - Le-Puy-en-Velay (31 km)

4. Reise/6. Tag

Als ich mich von diesem wunderschönen Flecken Erde und dieser traumhaften Herberge in Queyrières am Morgen verabschiede, spüre ich, dass irgendetwas an die richtige Stelle gerückt ist - über Nacht. Beim Losgehen fühle ich in mich hinein und alles, was ich finden kann, ganz tief in mir, ist ein Lächeln, das mich von innen anstrahlt. Guten Morgen, Welt, ich komme.

Kirche St. Michel d'Aiguilhe in Le-Puy-en-Velay

Es ist einer jener Tage, an denen ich mit mir selbst spreche: "Wow, wie schön!" sage ich zum Beispiel, ganz laut, damit ich meine Stimme höre und sicher sein kann, das ist kein Traum, nein, ich bin es wirklich. Ich laufe mit großen Augen staunend durch diese grandiose Welt und bewundere ihre Schätze.
Wie ich mich freue. Auf diesen Tag, auf all die Orte und die Menschen, auf mein Leben, auf alles, was noch kommt, auf alles, was es noch zu entdecken gibt, aber erst einmal auf Le Puy. Herrje, ich bin bald da! Le Puy!

Vor Le Puy schaffe ich es tatsächlich noch, mich zu verlaufen und gehe 2,5 km in die falsche Richtung. Genau zum richtigen Zeitpunkt rettet mich Walter vorm Verzweifeln: Eine SMS: "Wo bist du?" Wir verabreden uns um 19:00 Uhr vor der Kathedrale.

Und dann sitzen wir bis tief in die Nacht in diesem schnuckeligen Restaurant, trinken Wein und lachen und finden das Leben einfach wunderschön.

Soundtrack of the day: Genesis - Follow you follow me

19.09.2010: Tence - Queyrières (22 km)

4. Reise/5. Tag

Es war eine unruhige Nacht. Eine jener Nächte, in denen irgendetwas aufreißt, was lange her ist. Ich träumte von Stacheldrähten und Schnittwunden und laufe morgens los wie ein verwundeter Krieger. 
Nach ein paar Kilometern treffen mich die ersten Sonnenstrahlen - Wärme bahnt sich vorsichtig einen Weg durch meine eingefrorenen Gedanken. Etwas taut, etwas heilt - in Zeitlupe.

Über den Dächern von Tence

Etwas, das ich festhalten will, entwischt mir immer wieder. Ich weiß noch genau, als ich da stehe, über den Dächern von Tence, mit geschlossenen Augen, dieses unglaubliche Licht im Gesicht, da hatte ich es beinahe, als müsste ich nur die Hand danach ausstrecken. Aber da war es auch schon wieder vorbei.

Ich denke an jemanden, mit dem ich gestern darüber sprach, was man lernen kann auf diesem Weg. "Loslassen", sagte ich. "Tiefseetauchen", sagte er. 

Manche Worte sind wie Flaumflocken auf meiner Wange.

Am Abend sitze ich dann auf der kleinen Terrasse vom Le Fritz. Die Beine auf dem Geländer, das Gesicht Richtung Sonne, bei einer Flasche Bier und Spaghetti und dem Mp3-Player in den Ohren lässt es sich aushalten. Ich genieße einen sagenhaften Blick auf die Vulkanhügel. Eine SMS für Walter, der noch weitergegangen ist: "Hier ist es so schön."

Dann das große Bett mit der weißen Bettwäsche. Ich schlafe sofort ein.

Soundtrack of the day: Amos Lee - Behind me now

13.08.2010: Les Abrets - Oyeu (22,5 km)

3. Reise/14. Tag

Magdalena jammert heute in einem fort. Und trödelt. Ich kann ihr ja nicht böse sein, aber eines macht mich immer wieder aufs Neue fertig: Je langsamer sie vorwärts kommt - mitunter schlurft sie schon in Schlangenlinien über den Weg - desto schneller wechseln ihre Entscheidungen. Im Fünf-Minuten-Takt will sie einmal unbedingt innerhalb kürzester Zeit in Le Puy sein und längere Etappen laufen und dann wieder will sie den Weg abbrechen und nach Avignon fahren - "noch ein bisschen Urlaub machen".

Einmal schaut sie mich mit großen Augen an und sagt: "Du willst das hier wohl wirklich."

Ich weiß nicht, Magdalena. Eines wird mir jedenfalls immer klarer: DU willst das hier NICHT wirklich. Aber es geht mich nicht im Entferntesten etwas an.

Irgendwann bleibt sie ganz stehen und ich gehe langsam weiter. Wenn du dich alleine fühlst, legst du einfach einen Zahn zu, dann hast du mich wieder, sage ich. Als ich leichten Schrittes weitergehe, fühle ich mich kurz, als hätte ich mein Hundchen in einer fremden Umgebung ausgesetzt und hilflos sich selbst überlassen.

Aber dann nimmt mich die Schönheit des Weges mit auf eine wunderschöne Reise durch diesen Tag und etwas trägt mich, weiter und weiter, die Haare im Wind, die Sonne auf der Haut.

Die Zeit vergeht wie im Flug. In Le Pin lege ich mich auf eine Mauer und beschließe, auf Magdalena zu warten. Als sie nach mehr als einer Stunde noch immer nicht da ist und auch keiner der vorbeikommenden Pilger sie gesehen hat, packe ich meine sieben Sachen und mache mich erneut auf den Weg. Ich habe von diesem winzigen, sehr einfachen Campingplatz in Oyeu gelesen - etwas abseits vom Weg - und irgendetwas zieht mich dort hin.

"Meiner" für eine Nacht ;-)
Und dann komme ich in der Abendsonne dort an. Was für ein kleiner, versteckter Platz, was für Menschen, was für eine Atmosphäre. Es stehen nur wenige Caravans hier, mit viel Platz und Grün dazwischen. Alles ist einfach, fast spartanisch, in der Dusche gibt es nur kaltes Wasser - aber es gibt eine Waschmaschine und ich habe einen riesigen alten Caravan ganz für mich alleine.

In dem kleinen Laden in Oyeu gibt es nur Brot und Käse, Schokolade und etwas zu trinken, aber ich bringe meine Einkäufe wie Schätze in den Caravan zurück, mache mir eine heiße Tasse Tee und fühle mich warm und geborgen.

Magdalena ruft an - sie ist mit anderen Pilgern in Le Pin geblieben. Sie ist guter Dinge und kocht Spaghetti.

Alles ist gut.

Soundtrack of the day: Fleetwood Mac - Sara

09.08.2010: Les Côtes - Chanaz (29 km)

3. Reise/10. Tag

Die Sonne brennt schon am frühen Morgen erbarmungslos vom Himmel. Eigentlich mein Wetter, aber ich merke schon bald, dass ich im Kreis laufe. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Hitze legt sich auf die Bilder in meinem Kopf und alles verschwimmt zu einem dicken Brei. Zwei Schritte vor, drei zurück. Wie im wahren Leben. Ich bin hoffnungslos verloren.

Eine Telefonkabine schluckt meine teure Telefonkarte und spuckt sie nicht mehr aus. Ich werde vom "Maison de la Culture" zur Touristen-Info geschickt, allein auf den paar Metern verlaufe ich mich und renne eine halbe Stunde völlig kopflos durch die Straßen. Gezwungen freundliche Menschen versuchen, mit der französischen Telekom zu telefonieren, nach einer halben Stunde stellt sich heraus: alles zwecklos, ich lasse meine deutsche Adresse dort und verschwinde. 
Seyssel


Es ist Wochenmarkt in Seyssel und ich finde zwischen den ganzen Menschen und Marktständen endlich die Post. Eine neue Telefonkarte. Wo ist die nächste funktionierende Telefonzelle? Aha, ich muss bis zum Bahnhof laufen, ans andere Ende, meint die Frau. Okay. Auf die halbe Stunde kommt es jetzt auch nicht mehr an. Dad's Stimme beruhigt mich ein bisschen. Ja, es ist alles okay, Dad, nur ein bisschen heiß hier, weißt du. Wieder durch das Gewühle hinauf zum Zentrum. Ich kann nicht loslaufen, ohne etwas getrunken zu haben. Ich setze mich in einem Straßencafé an ein kleines Tischchen und bestelle einen Eiscafé. Ich habe den direkten Blick auf die Post, wo ich vor einer halben Stunde die Telefonkarte gekauft hatte. Und dann sehe ich sie, direkt daneben: 3 Telefonzellen.

Mittlerweile ist es 10:30 Uhr. Die Sonne brennt und ich laufe wie in Trance. Ich setze einen Schritt vor den anderen, versuche mich zu konzentrieren, ich laufe und laufe und habe doch das Gefühl, kaum vorwärts zu kommen. Irgendwann gebe ich innerlich mein Ziel "Chanaz" auf und beschließe, die nächste Herberge, die mir über den Weg läuft, beim Schopf zu packen. Da! Ein Schild, 1,5 km abseits vom Weg, okay, das pack ich noch. Ich frage zur Sicherheit noch ein paar ältere Herren, die vor einem Haus im Schatten sitzen. Die Herberge? Jaja, immer geradeaus.

Dann schleppe ich mich zur Tür, drücke die Klingel. Eine Frau öffnet, nein, wir haben nichts mehr frei. Ich verstehe nicht, was sie sagt, frage mehrmals: Pardon? Langsam begreife ich, was das bedeutet. Nein, flüstere ich, nein. Ich muss ein erbärmliches Bild abgeben, denn die Frau hastet panisch ins Haus und bringt mir irgendeinen Mineraldrink. Ich leere das Glas in einem Zug, dann humpele ich grußlos davon. Ich kann einfach nicht mehr.

Ich versuche, meinen Kopf zu überlisten. Jemand sagte mir mal: "Wenn du zum ersten Mal denkst, du kannst nicht mehr, hat dein Körper noch 50 Prozent Reserven." Es ist wie beim Joggen. Wenn du 10 km laufen willst und kurz vor der Ziellinie erfährst, dass du noch 1 km dranhängen musst, denkst du: Das geht nicht. Willst du aber von Anfang an 11 km laufen, schaffst du das ohne Probleme. Okay, jetzt muss ich also die psychologischen Tricks auspacken.

Ich stapfe die 1,5 km zurück und dann also doch nach Chanaz. Ohne Schatten, ohne einen einzigen Baum, ohne eine Bank oder einen großen Stein, auf dem man sich hätte setzen können - kilometerlang geradeaus, direkt am Strand entlang. Ich habe keinen Blick mehr für die Schönheit der Rhone. Ich heule leise vor mich hin, Tränen vermischen sich mit Schweiß und meine Füße sind dicke schwere Klumpen. Meine Wasserflasche ist schon lange leer, meine Lippen springen auf. Nur wenige Menschen sind hier unterwegs - es ist einfach zu heiß.

Dann endlich: Ich sehe in der Ferne die ersten Caravans, der Campingplatz von Chanaz!

Ein heißer Tag an der Rhone

Aber es sollte noch nicht zu Ende sein. Am Campingplatz nur ein Schild: Ich komme bald wieder.

Ich setze mich in den Kiosk und trinke schnell nacheinander zwei Halbliterkrüge Eistee. Und dafür werde ich noch von einer Gruppe junger französischer Hühner ausgelacht. Na, vielen Dank. Habt ihr vielleicht eine Ahnung, wie ich mich fühle? Ach, egal. Ich rufe in der Gite rural an. Ja! Ein Bett ist noch frei, aber ich muss auf den Berg hinauf, ans andere Ende von Chanaz. Oben angekommen, öffnet mir ein älterer Mann in der Badehose und zeigt mir das Bett. 

Nein, denke ich. Ich kann hier nicht bleiben. Es riecht modrig, ein feuchter Belag liegt auf den Möbeln und als ich die Toilette sehe, mache ich auf dem Absatz kehrt. Wieder hinunter nach Chanaz. Der alte Mann ruft mir wüste Beschimpfungen nach, ich drehe mich nicht einmal mehr um.

Unten in Chanaz gibt es ein heruntergekommenes Hotel mit einem merkwürdigen Typen und in den Handtüchern sind Löcher. Egal. Schluss jetzt. Hier bleibe ich. Es dämmert schon, als ich meine Wäsche an die Fenster hänge.

Die Hitze legt sich auf die Bilder in meinem Kopf und alles verschwimmt zu einem dicken Brei. Zwei Schritte vor, drei zurück. Wie im wahren Leben. Ich bin hoffnungslos verloren.

Ich schlafe wie ein Stein.

Soundtrack of the day: Eddie Vedder - Big hard sun

Montag, 29. November 2010

03.08.2010: Vucherens - Préverenges (30 km)

3. Reise/4. Tag

Manchmal beginnen die schwärzesten Tage so, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Ich verlasse Vucherens zwar ein bisschen wehmütig - die Menschen, die mir hier ein Zuhause anboten, die kleine Kapelle, die Luft, die Landschaft, die einsamen Wege. Aber irgendwie freue ich mich auch auf Lausanne. Und der erste Blick von der Kapelle St. Laurent hinab auf den Genfer See macht mich still und dankbar. Was für eine Aussicht.

Guten Mutes passiere ich die ersten hohen Häuser am Stadtrand und schaue mir die Kathedrale Notre Dame an. Ich bin früh dran, eigentlich ist keine Eile geboten. Aber ein dumpfes Gefühl in der Magengegend treibt mich dann doch in die nächste Telefonzelle. Nach einer halben Stunde habe ich alle Adressen durch und kein Bett. In der Touristeninformation tut man so, als würde man zum ersten Mal einen Pilger sehen.

Der Rest tut weh und ist schnell erzählt: Ich klappere einige Hotels ab, die sich eigentlich sowieso kein Mensch leisten kann, im dritten oder vierten hat man zwar noch ein Bett, macht mich aber drauf aufmerksam, dass dies ein 3-Sterne-Hotel sei und keine Pilgerherberge und dass ich mich dementsprechend zu verhalten hätte. Ich schaue ungläubig in kalte, arrogante Augen und weiß plötzlich, dass ich schon viel zu lange hier in dieser Stadt bin, in der ich nicht erwünscht bin und die in der warmen Abendsonne plötzlich kühl und hässlich wirkt. Ich muss hier weg.

Ich frage mich irgendwie durch und versuche, auf kürzestem Wege Lausanne hinter mir zu lassen. Durchatmen kann ich erst, als ich in Vidy wieder auf den signalisierten Jakobsweg treffe. Inzwischen ist es nach 18:00 Uhr und jeder Schritt wird zur Qual. Nach einem Blick in den Reiseführer wird mir klar, dass der Weg wohl mehrere Tage direkt am Genfer See entlangen führen wird, wo es nur wenige günstige Übernachtungsmöglichkeiten gibt. Und dann geht der Rest auch noch schief: Falsche Telefonnummern, geschlossene Unterkünfte, ausgebuchte Pensionen und Hotels.

Le Lac Leman - der Genfer See
Ich halte mich nur mit Mühe noch aufrecht, versuche irgendwie vorwärts zu kommen, vorbei an frisch geduschten Touristen und Feierabendjoggern. Ich vermeide, mich auf einer Bank auszuruhen, weil ich befürchte, dass ich irgendwann einfach sitzen bleibe.

Ich ertappe mich bei dem Gedanken, zu warten bis es ganz dunkel ist und dann verbotenerweise im warmen Sand am Strand des Genfer Sees zu übernachten. Diese Möglichkeit tröstet mich beinahe: Ich muss nicht laufen bis ich tot umfalle.

Endlich ist das Hotel in Sicht, das im Reiseführer als günstig und pilgerfreundlich beschrieben wird. Die Telefonnummer hatte wohl nicht gestimmt, meine Anrufe landeten immer im Nirvana. Schnell wird mir klar, warum: Es hat den Besitzer gewechselt und ist jetzt keineswegs mehr günstig und pilgerfreundlich.

Ich schaffe es grade noch unter die Dusche, dann falle ich in mein 150 SF teures Bett und in einen komaähnlichen Schlaf.


Soundtrack of the day: Chris Pureka - Grey